Hortus clusus

Wieder einmal habe ich die toten oder sterbenden Bäume entlang der Straßen gezählt. Nicht nur die Kastanien sind es, denen die Miniermotte zu schaffen macht, genauso trifft es Eichen, Ahörner und Hainbuchen. Es werden immer mehr. Die alten Bäume, die die Hitze und Trockenheit besser überstehen, werden von Baumexperten regelmäßig überprüft und verschiedenen Belastungstests unterzogen. Danach werden sie sicherheitshalber umgeschnitten, da niemand an etwas schuld sein will, aber immer jemand schuld sein muss. Dann werden neue gepflanzt, oft zu unmöglichen Zeitpunkten. Die, die überleben, werden in den folgenden Jahren von den Gemeindegärtnern, die allesamt keine sind, auf das Gröbste misshandelt. Um einen Baum zu schneiden, braucht es Wissen und Gefühl. Beides fehlt. So ist das in unserem Ort und in vielen anderen sicher auch. Gestern wurde in meiner Straße alles gemäht. Jetzt stehen braune Bäume in braunem, verbranntem Gras. Vorher blühten hier Schafgarben, kleine gelbe Korbblütler und verschiedene Kleearten. Ich werde vorschlagen, nur mehr einen schmalen Streifen an der Straße, den Gehsteigen und den Hauseinfahrten zu mähen. Das gäbe ein wenig Struktur und ließe die Blumen blühen, die alle angeblich so lieben. Außerdem könnte man sich dann stattdessen mit etwas anderem beschäftigen. Vermutlich steht dem ein grundsätzliches Missverstehen der Welt gegenüber, das seinen Ausdruck in Ordnung und Kontrolle findet. Bisher war ich immer optimistisch, dass der Erfindungsreichtum der Natur und des menschlichen Bewusstseins, Wege findet, diese Welt als einigermaßen lebenswerten Ort zu erhalten. Jetzt bin ich das nicht. Die längste Hitzeperiode, die höchste jemals gemessenen Anzahl an Tropennächten, der geringste Niederschlag seit 100 Jahren, die größte Regenmenge in kürzester Zeit, die geringste Anzahl an Mehlschwalben, Rückgang der Insekten um 70%. Kaum ein Monat und schon gar kein Jahr, ohne derartige Meldungen. Alle kennen sie und trotzdem fahren die Rasenmäher und Laubgebläse über alles, das noch ein wenig Leben enthält. Mir fehlen heuer die großen blauschwarzen Holzbienen und auch die Taubenschwänzchen, die wie Kolibris von Blüte zu Blüte fliegen. In den Jahren davor waren sie immer im Garten. Ebenso Schwalbenschwanz und Segelfalter. Von den vielen Fledermäusen sind nur wenige geblieben. Mein Garten ist groß und lässt viel ungestörten Platz, der Wald ist gerade einmal 100 Meter entfernt. Trotzdem. Die Erinnerung muss  nicht durch viele Jahre führen, um vieles ganz anders vorzufinden.

Früher kamen die Tiere aus der Landschaft in die Gärten, seltene überraschende Besucher, die sich bald wieder auf den Weg nach draußen machten. Es gab genügend Gebüsche und Hecken und in den Weingärten viele Obstbäume. Vor dreißig Jahren war ihr Verschwinden absehbar, wir haben uns aufgeregt und versucht, etwas dagegen zu unternehmen. Belächelte Versuche, die bald im Sand verlaufen sind. Jetzt sind sie nahezu zur Gänze verschwunden, die Gebüsche, Hecken und Bäume und niemand regt sich mehr auf. Die Landschaft vor meinem Fenster kann man immer noch als schön empfinden, doch sie ist tot. Eine Landschaftsindustrie hat bis in die letzten Winkel Ordnung geschaffen und nebenbei ganze Landstriche nahezu von Leben befreit. Die letzten Reste dienen der Unterhaltung oder Erholung und müssen über irgendwelche Umwege Rentabilität beweisen, wenn nicht Schilder das Betreten verbieten und jedes Erleben und Erfahren verhindern.

Aus ängstlichen, ehrfürchtigen Duldern sind wir zu arroganten Narzissten geworden und jeder einzelne Schritt hat genau dahin geführt. Die Angst ist geblieben, die Ehrfurcht verschwunden.

Natur und Heimat haben auf die scheinheiligste Weise zusammengefunden. Kaum eine Werbung und schon gar kein Wahlplakat kommen ohne sie aus. Hochgehalten wird  ein Schein, der in Wirklichkeit ein Kadaver ist, mit dem man sich gegen jegliches Außen verteidigt. Außen ist dort, wo das Leben ist, innen ist Angst und Kleinlichkeit. Und noch viel Schlimmeres.

All die Regelungen, Gesetze, Normen, Begutachtungen und Umweltverträglichkeitsprüfungen, die jetzt wohl auch noch abgeschafft werden, das brave Müll trennen, das Recycling, die unendlichen Regeln für jede Art der Deponie, die Bauverordnungen mit all ihren Geboten, die Verordnungen für jeglichen Eingriff in die Landschaft und selbst in die Gärten, die Aufnahme der lebenden Welt in irgendwelche Kataster, nichts davon hat dazu beigetragen, eine wilde Vielfalt zu fördern, bestenfalls marginale  Reste davon mit weiteren Regeln und Gesetzen zu erhalten.

Das Wilde war schon immer der Feind der Menschen. Bloß wenn wir es in diesem Ausmaß bekämpfen, berauben wir uns selbst jeglicher Grundlage. Ein Paradoxon, allem Wissen und allen Erkenntnissen zum Trotz.

Als Gärtner waren wir Jahrhunderte lang damit beschäftigt, das Wilde vom Garten fernzuhalten. Außen war genug davon. Nun ist außen fast nichts mehr. Was also machen wir jetzt? Ersticken wir den Garten mit Architektur und geben uns dafür her, jegliche Sukzession und Entwicklung möglichst zu unterdrücken? Damit alles so bleibt, wie es gemacht wurde und niemand Angst haben muss, selbständig zu werden und das Leben besser zu verstehen?

Oder widmen wir uns der Aufgabe, das Leben zu verstehen –  oft genug intuitiv, da wir zu wenig wissen, doch beides wächst aneinander – , und das Wilde, Lebendige, sich Entwickelnde, in die Gärten zu bringen?

An den Wünschen der Kunden merkt man, wie sehr das Interesse daran in den letzten Jahren gewachsen ist. Die Gelassenheit im Umgang mit natürlichen Prozessen hat sich nicht im selben Umfang entwickelt. Im Naturgarten erhält das Wilde einen kleinen Platz. Das Eck mit den Brennnesseln, meist dort, wo man sie nicht sieht, ein Laubhaufen für die Igel, ein Kompost, in dem man eine Blindschleiche findet, wenn man ihn wendet, Gifte sind verpönt und der Dünger organischen Ursprungs. Gemüse, Obst und Kräuter haben wieder Einzug gehalten und mit berechtigter Freude und Stolz werden die eigenen Produkte verkocht, Rezepte und Pflanzen getauscht.

Ist uns Gärtnern das genug? Bleibt der Garten, bevor er sich noch geöffnet hat, ein Hortus clusus, ein Ort, in dem sich Sehnsüchte auf eine Weise erfüllen, die gleichzeitig den Blick nach Außen verhindern?

Wenn der Garten einst ein eingefriedetes kleines Stück Land war, das vor der Wildnis beschützt wurde, so ist er heute etwas, in dem ein winziger Rest dieser Wildnis beschützt werden kann. Ein Rest, in dem das Gewissen und die Ohnmacht verborgen sind.

Noch nie gab so viele Umweltauflagen und Gesetzte, Förderungen und Kontrollen aller Art, ein rasantes Wachstum von biologischen Betrieben, ein hohes Umweltbewusstsein vieler Menschen und so viele naturnahe Gärten. Trotzdem, das so rasche Verschwinden der Vögel, Insekten und Amphibien kommt den Auswirkungen des Meteoriteneinschlages am Ende der Kreidezeit gleich. Es war damals längere Zeit recht unwirtlich. Das Leben ging aber weiter. Allerdings ohne den Hauptprotagonisten davor, obwohl die damals überhaupt nichts dafür konnten.

 

Die Garten-Werkstatt

Hier lassen wir der Phantasie freien Lauf bedeutet, dass wir hier machen, was wir wollen.

Eine idealisierte Vorstellung von Arbeit die ständig in Konflikt mit dem Alltag tritt. Etwas mit Leidenschaft zu betreiben und davon leben zu wollen, birgt eine Menge Potenzial für Unglück. Sich von dem Unglück zu befreien gelingt nur durch Distanz. Die Distanz bedeutet den Verlust der Leidenschaft.

Als Gestalter definieren wir uns über Ideen und gedachte Bilder, die wir durch unser Tun Realität werden lassen. Als Gärtner sind wir mit dem Lebendigen beschäftigt, das wir zwar in Grundzügen begreifen, aber niemals in allen Details erfassen können.

„Ich weiß es nicht“ ist eine wunderbare Antwort. Meist erst dann, wenn man das Gefühl hat, viel zu wissen. Wir sind mit derart vielen Fragen zu unterschiedlichsten Dingen konfrontiert, dass wir oft nur rudimentäre Antworten geben können. Wir müssen intuitiv sein und damit liegen wir manchmal richtig und dann wieder falsch.

Unsere Arbeit ist nicht statisch. Was wir tun, ist ständigen Veränderungen und wechselnden Bedingungen ausgesetzt. Wenn ein Garten fertig gestaltet ist, beginnt er erst, sich zu entwickeln und diese Entwicklung ist nicht genau vorhersehbar.

Hier liegt der eine Teil des möglichen Unglücks. Es gibt eine starke Tendenz zu statischen Elementen im Garten. Alles soll genauso bleiben, wie es einmal gemacht wurde. Das widerspricht grundsätzlich der Intention des Gärtners.

Der zweite betrifft die Leidenschaft. Leidenschaft macht verletzlich, wir geben uns damit eine Blöße. Das ist eine schwierige Gratwanderung in einer hektischen und immer perfektionistischeren Zeit, in der Verletzlichkeit eher ein Makel ist. Wir sind Gestalter und von uns wird ebenso Kreativität wie rasche Ausführung erwartet. Gleichzeitig müssen wir in einem System bestehen, in dem sich alles um Geld dreht. Kreativität lebt von Freiraum, Zeit und Muße. Wenn wir das nicht mehr haben, geht sie verloren.

Da ich das nicht will, entstand die Idee zur Gartenwerkstatt. Die Werkstatt als solche gibt es schon länger und sie sieht aus wie eine Werkstatt eben aussieht. Ein großer heller Raum voll von Werkzeug, Geräten und Arbeitstischen.

Sie soll mehr sein, als der Ort, an dem wir jeden Morgen besprechen, was zu tun ist, alles einladen und losfahren, um uns Stunden später wieder hier zu treffen und bei einem Bier über den Tag und alles Mögliche andere zu plaudern. Sie soll ein Ort sein, an dem wir nichts müssen. Ein Ort, an dem wir Dinge tun, die über das Gärtnern weit hinausgehen, die aber viel mit Gestaltung zu tun haben.

Es ist schwer, das in den Alltag zu integrieren. Aber wir wären keine Gestalter, würden wir uns das nicht wünschen.

Wohnen im Garten

Der österreichische Architekt Roland Rainer hat schon in den 60er Jahren damit begonnen, den Außenraum in seine Planungen miteinzubeziehen. Seine Siedlungen sind geprägt von menschen- und nicht autogerechtem öffentlichen Raum und intimen privaten kleinen Gärten, die an Innenhöfe oder Atrien erinnern. In einer Zeit, in der schreckliche Siedlungen entstanden sind, deren Gärten bestenfalls den Abstand zum Nachbarn markiert haben und die meist nur über Stiegen erreichbar waren. Ebenerdig ist eben auch erdig und damit wollte man möglichst wenig zu tun haben. Die Häuser wurden über den Garten erhoben, das Erdgeschoß war meist um einige Stufen erhöht. Vielleicht wollte man ein wenig den Schlössern und Herrschaftshäusern nacheifern, wie Roland Rainer meinte, vielleicht wollte man auf diese Art auch den Schmutz und die Armut der Nachkriegszeit hinter sich lassen.

Wenn man heute versucht, einen solchen Garten mit dem Haus zu verbinden, ist das oft mit ziemlichen Aufwand verbunden. Mittlerweile wird anders gebaut und der Garten hat eine große Bedeutung erlangt. Er ist zum erweiterten Wohnraum geworden. Vor allem wenn er klein ist, ist das oft das wichtigste Bedürfnis. Es lebt sich gut im Freien und erinnert an Urlaub.

Kleine Gärten brauchen detailliertere Pläne, es verbindet sich die Architektur des Hauses mit der des Gartens. Wie im Innenraum sind Proportionen, Licht, Farben, Details und Accessoires ebenso wichtig, wie Intimität und Privatheit.

Ein überdachter Sitzplatz, eine Kochgelegenheit oder ein gemauerter Backofen, ein Bett für die heißesten Nächte, alles lässt sich ins Freie verlagern und anders als im Haus befindet sich über unseren Köpfen keine Decke sondern der Himmel.

Im Naturgarten sind wir nicht bloß Besucher

Der Naturgarten ist geprägt von der Freude am Gestalten und Tun. Hier findet alles seinen Platz. Lauschige Ecken, Sitzplätze, Blumenbeete, Gemüse und Obst, Lauben mit Wein oder Rosen, wilde Stellen, Natursteinmauern, ein Teich und Pflanzen aller Art. Was auch immer man mag und sich wünscht.

Im Naturgarten sind wir nicht bloß Besucher, wie im wilden Garten. Wir sind sowohl Akteure als auch Lehrlinge des Gartens und ständig auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen unseren eigenen Vorstellungen und denen des Gartens.  Umso mehr wir uns bemühen, dem Garten unsere Vorstellungen aufzuzwingen, umso mehr Energie müssen wir dafür aufwenden und letztendlich freuen wir uns bloß über unser der Natur abgerungenes Werk und nicht so sehr über die Schönheit und die Überraschungen, die uns der Garten bieten kann.

Der Naturgarten ist der Versuch, seine Gestaltung und unsere Arbeit in ihm, bestmöglich mit den natürlichen Prozessen und Gegebenheiten in Einklang zu bringen. Das setzt nicht nur ständiges Lernen, Beobachten und Ausprobieren voraus, sondern auch die Bereitschaft, natürliche Prozesse überhaupt erst einmal zuzulassen und ihre Prämissen wenigstens im Ansatz zu verstehen, um einen Garten zu schaffen, dessen Tore offen sind für die lebendige Welt.

Es ist an der Zeit, den Garten, den hortus clusus, den eingefriedeten, von der wilden Natur bedrängten und vor ihr zu schützenden kleinen Teil der Welt auch als solchen zu betrachten. Es gibt kaum noch wilde Natur, kaum Plätze, wo sein darf, was ist. Alles wird geputzt, gemäht, geschnitten, geordnet, großflächig zu Tode gespritzt. Wir bewegen uns zunehmend durch von jeglicher Vielfalt beraubte Räume. Ich sehe keine toten Kröten mehr auf den Straßen, keine erschlagenen Insekten auf den Windschutzscheiben.

Fast 170 000 Hektar Gärten gab es vor 20 Jahren in Niederösterreich. Heute wird das nicht viel anders sein. Viel Platz also, um Raum zu schaffen, für das, das außerhalb immer weniger findet.

Dabei bleibt er natürlich auch unser eigener Lebensraum, idealisiert durch unsere Vorstellungen und Wünsche.

Wir können beginnen, ihn zu teilen. Wir können überhaupt erst einmal beginnen festzustellen, dass uns gar nichts anderes übrigbleibt, als ihn zu teilen. Wir nehmen nur einen kleinen Teil des Geschehens wahr. Mit allem, das wir tun, beeinflussen wir aber ebenso den großen, nicht- oder kaum wahrnehmbaren Teil.

Wenn wir einen Garten besitzen, besitzen wir einen Teil der Welt. Das alleine klingt schon unerhört. Ob daraus eine Verantwortung abzuleiten ist, will ich nicht beurteilen und moralisieren liegt mir fern. Appellieren, das schon. An einen leichtfüßigeren, geschmeidigeren Umgang, an viel mehr Mit statt Gegen, an das Zulassen scheinbarer Unordnung. Wenn alles seine Ordnung haben muss, geschieht nichts Neues. Wenn nichts Neues geschieht, hat die Neugierde keinen Platz. Wenn wir nicht mehr neugierig sind, verkümmern wir.

Im wilden Garten darf sein, was ist..

Der wilde Garten ist ein Garten, in dem wir Gestalter nicht viel zu tun haben. Existieren kann er nur im Wechselspiel von seinen Bewohnern und der Natur. Der wilde Garten kann nur entstehen, wenn er in Ruhe gelassen wird, wenn sich die Eingriffe auf ein Minimum beschränken.
Im wilden Garten darf sein, was ist und das was ist, ist nie von Dauer. Der wilde Garten zeigt auf, was wir insgeheim spüren, aber so schlecht akzeptieren. Dass nämlich nichts von Dauer ist. Im wilden Garten ist die Seele freier. Oft wird er bewundert, vor allem, wenn er nicht der eigene ist.
Das Bedürfnis danach, alles möge bleiben, wie wir es geschaffen haben, die Kontrolle und Energie, die wir dafür aufwenden müssen, verhindert den wilden Garten. In Zeiten von Bewässerungsanlagen und Mährobotern hat er es schwer.
Das Wilde kann beängstigen, eben weil es sich der Kontrolle entzieht. Aus demselben Grund kann es aber auch beglücken. Wenn wir spüren, dass wir einmal nichts kontrollieren müssen, können wir uns hingeben an etwas, das uns zwar nicht braucht aber erfüllt. Wie der Wald, oder das Meer.

Der Rasen und die Blumenwiese

Der Rasen und die Blumenwiese, zwei kontroversielle Themen, die beide gleichermaßen schwierig sind.

Für den Gestalter sind gemähte Flächen ebenso wie geschnittene Hecken wichtige strukturgebende Elemente im Garten. Wenn die gemähte Fläche ein Rasen sein soll, steht der Gärtner laufend vor schwer zu lösenden Problemen, wenn er nicht zu Unkrautvernichtern greifen will. Der ideale Rasen ist eine Monokultur aus einheitlichen, dicht wachsenden niedrigen Gräsern, die nach Sonne, Wasser und Nährstoffen verlangen. Ein Zustand, der schwer zu erhalten ist, da die Natur, von wenigen Ausnahmen abgesehen, offenbar etwas gegen Monokulturen hat. Eine dieser Ausnahmen ist zum Beispiel der Schilfgürtel am Neusiedlersee. Schilf ist auch ein Gras, nur gibt es kaum jemanden, der es im Garten haben will, da man ihn dann kaum noch betreten könnte.

Wenn wir als Gärtner wieder einmal vor braunen Flecken oder sonstigen unerwünschten Erscheinungen im Rasen stehen, finden wir oft nur rudimentäre Erklärungen, meist im Konjunktiv. Das ist natürlich für uns genauso unbefriedigend, wie für alle anderen Beteiligten. Mit Chemie ist alles Mögliche, wenn auch nie nachhaltig, lösbar, aber die wollen wir nicht.

Also wünschen wir uns was, auf dass das besser wird.

Wenn man einen Garten anlegt, ist das Ansäen oder Verlegen des Rasens meist das Letzte, das man tut. Da ich schon oft Menschen gesehen habe, die mit mehr oder weniger Verzweiflung das mit dem Rasen gleichzeitig keimende Unkraut in mühevoller Kleinarbeit zupfen, ziehe ich die Verlegung von Fertigrasen im Zweifelsfall vor. Wahrscheinlich ist die CO2 – Bilanz eines Fertigrasens eine Katastrophe. Trotzdem ist es ungemein befriedigend, wenn nach oft wochenlanger Arbeit, der Garten in wenigen Stunden fertig ist und alles grün und sauber erscheint. Zwei Wochen später sieht alles perfekt aus und das Übel beginnt, seinen Lauf zu nehmen. Ohne Bewässerung ist in unseren Breiten dieser Zustand kaum aufrecht zu erhalten. Ohne Düngen auch nicht. Einmal zu spät gemäht und alles ist braun. Ein Mähroboter muss her. Der macht natürlich mehr Sinn, wenn er auch alle Ränder erwischt. Also muss man darauf achten, dass es im Anschluss an den Rasen eine pflanzenfreie Fläche gibt. Da man ihn nicht unbedingt sehen will, befindet sich seine Unterkunft in irgendeinem unwichtigen Eck, das oft so schattig ist, dass das wenige Gras, das dort überhaupt vegetieren könnte in kürze zu Matsch zerfahren ist.

Ansonsten ist nichts dagegen zu sagen. Er ist leise, verhält sich ein wenig wie ein zurückhaltendes Haustier und die Zeit, die man sich dadurch spart, wird, zumindest anfangs, dazu genutzt, um ihm beim Mähen zuzusehen. Später dann, kann man sich anderen Dingen zuwenden, für die es noch keinen Roboter gibt.

Trotzdem, für alle, die einfach keine Zeit haben oder oft weg sind, für die, denen Anstrengungen eine Mühsal bedeutet und nicht zuletzt für die, die Wert auf einen möglichst perfekten Rasen legen, ist das eine gute Sache.

Sieht man sich sehr alte Gärten an, entdeckt man oft folgendes: Was einmal Rasen war, ist zwar grün, bloß Gräser gibt es kaum. Die Hecken sind hoch, die Bäume groß, es ist viel schattiger geworden. Die vor 30 Jahren im Wald ausgegrabenen Primeln haben sich über die Fläche verteilt, Veilchen haben sich dazu gesellt, und die Schneeglöckchen sind verwildert, das Scharbockskraut hat sich einen Platz erobert und dazwischen wächst das Moos. Niedrige Pflanzen, die meist blühen, wenn noch genug Licht durch die Bäume fällt. Hier wurde immer gemäht, aber niemals ständig. Die Samen konnten reifen und wurden von Ameisen, dem Wind oder bei unserem Gang durch den Garten verteilt. Eine Gesellschaft von Pflanzen, die sich im Lauf der Jahre eingefunden haben, angepasst an eine moderate Pflege und ohne besondere Ansprüche an Dünger und Bewässerung.

So etwas wünschen wir uns und das Herz blutet, wenn wir mit dem Bagger oder der Fräse darüber hinwegfahren.

Zwischen einem frisch angelegten, vitalen Rasen in einem jungen Garten und einer einigermaßen, mit geringem Aufwand erhaltbaren Gesellschaft von niedrigen Pflanzen in einem alten, gibt es unzählige Schritte von Veränderungen. Der Zustand des alten Gartens ist nur durch die Zeit herstellbar. Bestenfalls können wir ein wenig intervenieren. Ein paar Primeln pflanzen zum Beispiel und die Ameisen am Leben lassen, die einen kleinen Anhang an den Samen als Leckerbissen betrachten und sie dadurch verteilen.

Als Gärtner und Gestalter leben wir in einer glücklichen Zeit. Das Bedürfnis nach einem schönen Garten, nach naturnaher Gestaltung, nach eigenem Obst und Gemüse, nach einem ruhigen und intimen Platz im Freien, ist beständig gewachsen. Insektizide und Herbizide sind zunehmend mit einem Makel behaftet und werden teilweise gar nicht mehr verkauft. Und der Wunsch nach einer Blumenwiese ist oft zu hören.

Damit haben wir das nächste Problem. Eine Blumenwiese – und ich denke, dass wir alle eine sehr ähnliche Vorstellung davon haben, wie so etwas aussieht – ist das Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung und die Anfänge haben meist wenig mit unserer Vorstellung davon zu tun. Blumenwiesen sind entstanden durch kontinuierlichen Nährstoffentzug. Sie wurden lange Zeit beweidet oder immer wieder gemäht, um Heu für die Tiere zu gewinnen. Sie wurden nie gedüngt. Sie gedeihen am besten auf nährstoffarmen und trockenen Böden und sie sind vollkommen der Sonne ausgesetzt. (Ich beziehe mich hier auf meine nahe Umgebung und da sind Blumenwiesen auf feuchten Böden sehr selten, obwohl es die anderswo auch gibt.)

Ein Standort also, der in Gärten selten anzutreffen ist. Sollten Sie so einen haben, können Sie ihn als Schatz betrachten. Die Böden sind oft durch Bautätigkeit schwer gestört, meist zu nährstoffreich und oft zu sehr beschattet, als dass eine Blumenwiese leicht entstehen könnte.

Von da, wo ich gerade sitze, sehe ich in einen alten Obstgarten. Die Marillenbäume sind umgeben von einer hohen Wiese, die, soviel ich von hier sehen kann, fast nur aus Glatthafer besteht. An ihren Rändern ein wenig Labkraut. Glatthafer wächst auf nährstoffreichen Böden, das sieht man auch den Obstbäumen an. Sie wachsen gut. Die Wiese ist deshalb nicht besonders artenreich und trotzdem bezaubernd.

Es gibt so viele unterschiedliche Zustände zwischen einem jungen und einem alten Garten, zwischen einer Gstetten und einer lang gepflegten Wiese und jeder dieser Zustände hat seinen Reiz, wenn man sich dafür ein wenig öffnet. Das wünschen wir uns.

Das Unkraut & die Schädlinge

Wir schwanken zwischen Gelassenheit und Verzweiflung, wenn sich Schädlinge über die Pflanzen hermachen oder das Unkraut über Hand nimmt. Ein Beikraut ist ein Kraut, das dabei ist und nicht wirklich stört. Ein Unkraut hingegen begnügt sich damit nicht. Es wuchert und bedrängt. Es ist das Kraut, gegen das kein anderes gewachsen ist. Es zwingt uns zu beständiger Tätigkeit, wenn wir unsere Pflanzen schützen wollen. Es merkt rasch, wenn wir nachlässig werden und macht sich bald wieder breit.

Unkraut zu sagen, ist zwar mancherorts nicht mehr korrekt, doch da bleibe ich lieber unkorrekt. Alle, die einmal versucht haben, in einer Fläche voll von Quecke oder Giersch, ein Staudenbeet anzulegen oder Gemüse zu pflanzen, werden das wahrscheinlich nachvollziehen können. Das sind keine netten Beikräuter, auch wenn man manchmal hört, dass man den Giersch ja als Salat essen kann. Man müsste mindestens eine Kuh sein, um ihn auf diese Art einzudämmen.

Ähnlich ist es bei manchen Schädlingen. So viele Igel gibt es in keinem Garten, als dass sie im Stande wären, so viele Nacktschnecken zu fressen, dass sie keinen besonderen Schaden mehr anrichten würden. Im Gegenteil: Wo es für den Igel gut ist, fühlen sich meist auch die Schnecken wohl. Oder der Buchszünsler. Es gibt wohl kein Insekt, das in so kurzer Zeit derartige Bekanntheit erlangt hat. Es wird ständig bekämpft und ist trotzdem mit allergrößter Verlässlichkeit sehr bald wieder da. Wir können uns natürlich dafür entscheiden, keine Buchsbäume mehr zu haben, wer aber schon welche hat – so wie ich – tut sich schwer damit.

Jetzt, wo ich gerade darüber schreibe, fällt mir auf, dass die Schnecken seit zwei Jahren keinen nennenswerten Schaden in meinem Garten verursachen, und ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich mit allen möglichen Werkzeugen Gemetzel angerichtet habe.

Falls es so bleibt und ich jemals dahinterkomme, warum, werde ich darüber berichten.